Eine Geschichte des Fanatismus oder: Wie Schach leben retten und zerstören kann

SchachnovelleBerlin – Das „Kleine Theater“ begeistert das Publikum in diesem Sommer mit der „Schachnovelle“ von Helmut Paschina, nicht zuletzt durch die eindrucksvolle Leistung von Schauspieler Boris Freytag.

Bei der Überfahrt von New York nach Buenos Aires spricht sich unter den Passagieren schnell herum, dass sich der amtierende Schachweltmeister Czentovic an Bord befindet. Dieser soll tumb und ungebildet sein, jedoch im Schach unschlagbar. Rasch versuchen einige Mitreisende ihn aus der Reserve zu locken und zu einem Spiel zu überreden, darunter der aufbrausende Selfmademan Connor aus Kalifornien (Max Grashof), das gesetzte Ehepaar Herr und Frau Hartl (Edward Scheuzger und Sabine Schwarzlose) sowie der eher zurückhaltende Lorenz (Stefan Dick). Dass der Meister nur für 2500 Dollar pro Partie spielt, hält Connor als Geschäftsmann nicht auf und das Schachspiel wird für den folgenden Tag angesetzt. Czentovic (Mirko Böttcher) erscheint, vor Apathie und Arroganz triefend, und zeigt kaum Interesse am Spiel, welches er in wenigen Zügen gewinnt. Die Rolle des Czentovic ist hierbei stark überzeichnet, beinahe sabbernd und an einer Lakritzschnecke kauend etwas zu klamaukig geraten für die Ernsthaftigkeit des Stückes. Czentovic zeigt sich bis zur zweiten Runde gleichgültig, als Dr. Bertram (Boris Freytag) zum Spiel dazu tritt und sich als würdiger Gegner erweist, indem er dem Weltmeister gegenüber ein Remis (=Unentschieden) erreicht. In darauf folgender Euphorie möchten die Passagiere Dr. Bertram zu einer weiteren Partie überreden. Dieser ist sich unsicher, er habe seit fünfundzwanzig Jahren kein Schachspiel mehr in der Hand gehabt. Und an dieser Stelle beginnt der eigentlich spannende Teil: In einer Rückblende erzählt Dr. Bertram dem Publikum von seiner Haft bei der Gestapo, welche er in einem kargen Hotelzimmer verbringt, jedoch ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen, mit Ausnahme der Verhöre. Diese erhalten durch die Ausstattung von Dietrich von Grebmer eine besondere Atmosphäre, denn die etwas überstigmatisierten Ledermäntel, welche von den Gestapo-Ermittlern getragen werden, haben eine raffinierte Begleiterscheinung: Bei jeder Bewegung knistern und rascheln sie laut, sodass ein Gefühl von auf Dach prasselndem Regen entsteht. Ob gewollt oder nicht ist dieses ein originelles dramaturgisches Mittel, das den Verhörszenen einen ganz eigenen Anstrich gibt. Außerhalb dieser Szenen ist Dr. Bertram mit sich selbst und dem ihm umgebendem Nichts allein. Monate vergehen, ohne dass sich etwas für ihn ändert. Dr. Bertram ist schon kurz davor, der psychischen Folter nachzugeben, als er beim stundenlangen Warten auf ein Verhör einen Mantel am Haken hängen und in dessen Tasche ein Buch stecken sieht.

“Ich tastete den Stoff an und fühlte tatsächlich durch den Stoff etwas Rechteckiges, etwas, das biegsam war und leise knisterte – ein Buch! Ein Buch! Und wie ein Schuss durchzuckte mich der Gedanke: stiehl dir das Buch! Vielleicht gelingt es, und du kannst dir’s in der Zelle verstecken und dann lesen, lesen, lesen, endlich wieder einmal lesen!”

– Stefan Zweig, “Schachnovelle”

Das Buch stellt sich zu seinem anfänglichen Ärgernis als Buch der „150 Meisterpartien“ im Schach heraus. Schnell jedoch beginnt er sich zur geistigen Betätigung dort hineinzulesen und die Partien geben seinem Leben einen neuen Sinn, sie bestimmen seinen Alltag. Als Dr. Bertram nach einiger Zeit alle 150 Partien wieder und wieder nachgespielt hat, zunächst heimlich auf einem provisorischen Brett doch alsbald auch „blind“ (das heißt ohne Brett und Figuren, also nur aus dem Gedächtnis), beginnen ihn die vorgefertigten Partien zu langweilen. Doch wie soll er neue Partien spielen, ohne einen Partner zu haben?

„Ich war durch meine fürchterliche Situation gezwungen, diese Spaltung in ein Ich Schwarz und ein Ich Weiß zumindest zu versuchen, um nicht erdrückt zu werden von dem grauenhaften Nichts um mich.“

– Stefan Zweig, “Schachnovelle”

Er trennt sein Bewusstsein in zwei gesonderte Teile ab, jeder Teil spielt gegen den anderen. Er versucht gewissermaßen sich selbst auszutricksen, bei jedem Zug, wieder und wieder. Diese künstliche Schizophrenie zeigt sich besonders in den Augen des Schauspielers: Boris Freytags Blick scheint jede von ihm gewollte Regung darstellen zu können, sodass der übrige Körper sich nur wenig bewegen muss. Während die Augen unstet hin und her flackern, um dann mit einem Mal einen Zuschauer stechend ins Visier zu nehmen, scheint sich die gesamte, kleine Bühne in sein Gesicht zu zentrieren.

Regisseurin Karin Bares schafft mit der „Schachnovelle“ ein kompaktes Stück, das die Zuschauenden einfängt und mit einem perfekten Cliffhanger zur Pause bis zum Ende nicht mehr loslässt.

Die „Schachnovelle“ des Kleinen Theaters basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Stefan Zweig, welche dieser bemerkenswert weitsichtig 1941 kurz vor seinem Suizid geschrieben hat. Zweig war ein studierter Philosoph, Germanist und Romanist aus Österreich und gehörte seit 1935 zu den verbotenen Autoren des Nationalsozialismus. Bei einer Geschichte wie dieser, die als durchaus Analogie zum Fanatismus funktioniert, ist dies wenig überraschend. Stefan Zweig emigriert schon 1934 nach London und lebt ab 1941 bis zu seinem Tod in Brasilien.

Interessierte können sich schon für September und Oktober bereithalten, denn dann wird das Stück im Kleinen Theater am Südwestkorso wieder aufgenommen. Weitere Informationen sind auf der Homepage des Theaters zu finden: http://www.kleines-theater.de

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