Theaterkritik: Das Schnürschuh-Theater beweist seine Wandlungsfähigkeit

Matthias Hilbig (grünes shirt) Pascal Makowka (graues shirt)

Matthias Hilbig (grünes shirt)
Pascal Makowka (graues shirt)

Die Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs Bestseller „tschick“ hat am Samstag, den 20 Juni, das Publikum im Schnürschuh-Theater restlos begeistert und für langen Beifall mit stehenden Ovationen gesorgt.

Zwei Jungen, die miteinander nichts am Hut haben, werden durch die Tatsache vereint, dass sie als einzige aus ihrer Klasse nicht zu Tatjanas Geburtstag eingeladen sind. Der Erzähler der Geschichte, Maik Klingenberg (Mathias Hilbig), ist 14 Jahre alt, zunächst eher unscheinbar und unsterblich in Tatjana verliebt, die man seiner Meinung nach nicht anders als „super“ bezeichnen kann. Daheim hängt bei ihm der Haussegen schief: Seine Familie hat große Geldprobleme, sein Vater eine Affäre, die er kaum mehr geheim hält und seine Mutter ertränkt ihre Sorgen in Alkohol.

Und dann ist da noch Andrej Tschichatschow (Pascal Makowka), genannt „Tschick“, der selbst gerne mal alkoholisiert in der Schule erscheint. Aus Russland emigriert, hochintelligent aber im Unterricht eher einsilbig, hat er bisher kein Wort mit Maik gewechselt. Das ändert sich an dem Tag, an dem Tschick mit einem geklauten Lada vor Maiks Haustür erscheint. Nach anfänglicher Skepsis lässt Maik sich überzeugen und die beiden wagen das Abendteuer und fahren gemeinsam „in die Walachei“, wo Tschick Verwandte hat. Der Lada, hier eine schwarze Bühnenplatte mit vier Rollen versehen, fungiert im Laufe des Stücks noch als Tisch oder Behandlungsbett und wird durch eindrucksvolle Lichttechnik von Jürgen Petersen auch mal ganz schnell, als Tschick sich an dessen Rand stellt, zum Steg, von dem aus man einen weiten See überblicken kann. Auf ihrer Reise begegnen sie den skurrilsten Charakteren, dargestellt durch Susanne Baum und Holger Spengler. Diese hauchen jeder der Gestalten Einzigartigkeit ein. So springt Spengler mühelos zwischen cholerischem Vater, fröhlichem Großfamilienkind und hämischem Lehrer in Cordjacke hin und her, der einen spielend in die eigene Schulzeit zurückwirft. Auch Susanne Baum schafft es in den unterschiedlichsten Figuren das Publikum zu überzeugen und zieht als Isa, ein umherstreunendes Mädchen, das die Jungs auf einer Müllhalde aufgabeln, vor allem Maik in den Bann. Auch wenn die beiden anfangs von ihr genervt sind, so wird sie doch bald zur treuen Gefährtin auf ihrer Reise. Und genau so hell glänzen die Hauptdarsteller Hilbig als Maik und Makowka als Tschick durch ihre herausragende Perfomance. Mit einer enormen Bühnenpräsenz und den sympathischen Macken der Figuren werden die Zuschauenden schnell an die Geschichte gefesselt und geraten in den sich verselbstständigenden Sog des Stücks. Regisseur Christoph Jacobi hat mit der Bühnenfassung von Robert Koall ein bewegendes Stück geschafft, das immer wieder Lacher oder zumindest ein kleines Lächeln in die Gesichter der Zuschauenden brachte. Die von den Jacobi, Koall, den Schauspielern und zuletzt Herrndorf gemeinsam geschaffenen Charaktere besitzen Tiefe und eine Liebenswürdigkeit, die das Herz aufgehen lässt. Auch das von Rolan Khayyat eher schlicht gehaltene Bühnenbild birgt einige Überraschungen: Für eine ganz besondere Stimmung sorgt der technische Einsatz eines Beamers, welcher den einzelnen Spielsituationen eine ganz andere Dimension gibt. Während Tschick und Maik im Auto Schutz vor Regen suchen, zeigt das auf die Leinwände an der Rückwand projizierte Bild Regentropfen in der Makro-Filmperspektive, welche in Zeitlupe am Boden zerschellen. Und als die beiden den Sternenhimmel betrachten, tauchen die bewegten Bilder in die Milchstraße ein und lassen einen in der Ferne die blaue Erde erblicken.

Endlich mal wieder eine Adaption, die der Buchvorlage treu bleibt und doch so viel Eigenes schafft. Dieser fantasievolle Roadtrip lässt sich ohne Vorbehalte allen empfehlen, die mal wieder ein rundum herzerfrischendes Theaterstück sehen wollen, das einen mit einem Lächeln auf den Lippen zurücklässt. Oder um es mit Maiks Worten zu sagen:

„Die Welt ist schlecht, das hatten mir meine Eltern erzählt. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“

Wer sich selbst ein Bild vom Stück machen will, der hat dazu am 24. September und am 18. Oktober 2015 jeweils um 19 Uhr Gelegenheit. Ticketreservierungen und weitere Informationen sind auf der Homepage des Theaters zu finden: http://www.schnuerschuh-theater.de

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