Hörbuchrezension: Ein unausweichliches Kopfkino!

Haruki-Murakami---Hard-boiled-Wonderland-und-Das-Ende-der-WeltWie Haruki Murakamis 30-jähriger Roman „Hardboiled Wonderland und das Ende der Welt“ den Kopf zum Laufen bringt und Grenzen verwischen lässt.

Schon nach wenigen Zeilen, die David Nathan volle, ruhige Stimme liest, ist die charakteristische Klangfarbe von Captain Jack Sparrow zu erkennen. Unverwechselbar, sodass man sich kurzzeitig in Disneys „Fluch der Karibik“ wähnt, um gleich darauf wieder in die dicht aneinandergereihten Worte einzutauchen und die vorgelesenen Laute zu Welten werden zu lassen.

Surreale Welten, deren ernsthafte, wissenschaftliche Erklärung die Lesenden beinahe dazu bringt, an sie zu glauben. 

Da gibt es einmal den Protagonisten im „Hardboiled Wonderland“, einen beruflichen Rechner, der beim „System“ arbeitet und dessen Leben in mehr oder weniger ruhigen Bahnen verläuft. Bis er an einen geheimen Auftrag erhält, der darin endet, dass sich der Hauptcharakter bedroht, verfolgt und auf einmal mit einem Einhornschädel im Gepäck auf der Flucht wiederfindet.

Und dann ist da noch die andere Welt, das „Ende der Welt“, in der sich viele Parallelen zur ersten Welt finden, jedoch zusammengewürfelt und neu gestrickt. Das hier lebende andere Ich des Protagonisten versucht, seinen Schatten zurück zu bekommen, einen Ausgang aus der von einer riesigen Mauer umgebenen Stadt zu finden und alte Träume zu lesen während das das Hardboiled-Wonderland-Ich langsam in Verzweiflung gerät.

Doch wie passen diese zwei Welten zusammen und ineinander?

Während des Hörens sorgen diese vermeintlich zusammenhangslosen Geschichten im Verlauf für immer häufigere Déjà-Vus, werfen währenddessen jedoch auch mehr Fragezeichen in meinem Kopf auf. Und während das Hirn rattert rollt die Kugel der Spannung zunächst gemächlich weiter und wird dann immer schneller. Der Protagonist schließe ich bald ins Herz und ganz selbstverständlich wird er ausführlich bedauert, bewundert und angespornt. Ich leide regelrecht mit ihm, während er von einer Misere in die nächste tritt und dies alles genügsam über sich ergehen lässt.

Zudem ist jede Welt für sich genau abgesteckt und strukturiert, mit eigener Logik und eigenen Gesetzen. Doch das von Murakami beschriebene scheint so abstrakt, dass das Gefühl eines andauernden Tagtraums entsteht. Auch die fehlende namentliche Benennung jeder einzelnen Figur verstärkt diesen Effekt noch einmal. Dann laufen wir der „Bibliothekarin“ durch die Gegend, suchen den „Onkel“ und lassen uns von dem „Kleinen“ einschüchtern. Wir sind dem Geschehen ganz nah, und doch bleibt es eine Geschichte, die nacherzählt und fantastisch ist.

Zwar muss ich zugeben, dass meine Begriffsfähigkeit leider nicht soweit reicht, als dass ich jedem wissenschaftlichen Exkurs im Hörbuch hätte folgen können. Dennoch hat die Geschichte mich eingesponnen und nicht mehr losgelassen. Ich, als Murakami-Einsteigerin, habe nach diesem Roman mit seinem klaren und unwirklichem Einfallsreichtum eindeutig Blut geleckt und freue mich schon auf das nächsten Gedankenfilm, den Haruki Murakami mir bescheren wird.

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