Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen

Zum Autor
Heinz Helle, geboren 1978, Studium der Philosophie in München und New York, Arbeit als Texter in Werbeagenturen, Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel, wohnhaft ebendort, verheiratet, eine Tochter. Sein Romandebüt Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin erschien 2014.
(Quelle: Verlagsseite)

Zur Handlung
Eine Gruppe junger Männer verbringt ein Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurückkehren, sind die Ortschaften verwüstet. Die Menschen sind tot oder geflohen, die Häuser und Geschäfte geplündert, die Autos ausgebrannt. Zu Fuß versuchen sie, sich in ihre Heimatstadt durchzuschlagen. Sie funktionieren, so gut sie können. Tagsüber streifen sie durch das zerstörte Land, nachts durch ihre Erinnerung. Auf der Suche nach einem Grund, am Leben zu bleiben.
(Quelle: Verlagsseite)

 

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Meine Rezension
Heinz Helles zweiter Roman ist ein schmales Bändchen von 175 Seiten, das durch insgesamt 69 Kapitel in kurze Abschnitte geteilt wird. Dies spiegelt auch den Stil des Buches sehr gut wieder. Der Schreibstil ist bruchstückhaft, besteht aus vielen sehr kurzen Sätzen und Absätzen, die ein monotones Stakkato im Kopf erzeugen. Und dazwischen eingestreut immer wieder Elefantensätze, die sich über die halbe oder ganze Seite ziehen. Doch auch diese lesen sich mehr als eine Art Aufzählung. Das Lesen fühlt sich an wie eine Betrachtung der Gedanken einer anderen Person. Als könnte man deren Kopf aufklappen und voller Interesse die Gedanken lesen. Immer wiederkehrende Rückblenden verstärken diesen Eindruck.

Dennoch: Der fabelhafte Umgang mit Sprache kann Heinz Helle in diesem Roman nicht abgesprochen werden. Die Schönheit der Worte zeigt sich in jedem Satz und ich kam nicht umhin, mir acht Abschnitte zu markieren. Die bizarre Handlung ist eingebettet in schlichte Poesie.

Der lauwarme, halbverweste Vogel schmeckt lauwarm und halbverwest.“ S. 53

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, außer dem Erzählenden (der soweit ich das mitbekommen habe namenlos bleibt) gibt es noch 4 weitere Charaktere. Diese 5 jungen Männer sind gemeinsam auf die Hütte gefahren und laufen nun durch die zerstörte Umgebung. Die Persönlichkeiten dieser Männer bleiben eher blass, was vermutlich an der kürze der Geschichte, jedoch auch in der Art und Weise begründet liegt, in der sie sich durch die Landschaft bewegen. Denn sie alle sind gekennzeichnet durch Apathie, Ziellosigkeit und Desinteresse und verschmelzen zu einer einzigen, gefühllosen, sich fortbewegenden Einheit.

Da können die kurzen Rückblenden, in denen sich der Protagonist das Leben seiner Freunde in der Vergangenheit ausmalt zwar etwas Kontur geben, aber eben auch nicht mehr. Doch vielleicht ist genau diese Ausdruckslosigkeit bezeichnend für ihre Situation. Sie alle sind nur noch getrieben vom Wunsch zu überleben. Für mehr scheint da nicht Platz zu sein.

Fazit
So ganz packen konnte mich diese Geschichte nicht. Mir fehlte unter anderem die Ursache für ein solches Ausmaß an Zerstörung. Wie kann über Nacht eine solche dystopische Welt entstehen, was ist passiert? Natürlich befinde ich mich in der Perspektive des Protagonisten und kann somit auch nicht mehr wissen als er, die Situation erscheint mir aber doch mehr wie ein Gedankenexperiment, das keine logische Begründung für die Ausgangssituation aufweisen muss, als ein reales Geschehen. Auch die ständig den Lesefluss unterbrechenden Absätze, Kapitel und Rückblenden hinderten mich daran in die Geschichte einzutauchen.

Dennoch hat sie mir gefallen, was unter anderem doch am Sprachstil und der Bizarrheit der Situation selbst lag. Für dieses Buch kann ich gute 3 von 5 Sternen vergeben.

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2 Kommentare

  1. Klar wäre auch ich neugierig auf das „Warum“ gewesen. Aber die Frage stellt sich (für Helle) einfach nicht. Die Welt ist im Eimer und nichts mehr wie zuvor. Das macht die Männer ausdruckslos, hoffnungslos und, obwohl noch lebendig, schon dem Leben entrückt. Äußerst gelungen finde ich übrigens die Charakterisierung der einzelnen Personen: Mit einem Rückblick in jeweils nur einem Kapitel beschreibt Helle so manche Figur besser, als das anderen Autoren auf Hunderten von Seiten gelingt.

    1. Ich weiß, was du meinst. Die Idee mit den kurzen Sequenzen aus den Leben der Charaktere fand ich stark, bei mir hat sie nur einfach nicht funktioniert. Es entstand kein „Bild“ in meinem Kopf, dass all die Charaktere klar voneinander trennte. Daher blieben sie dann leider doch eher gestaltlos, was ich schade finde.

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